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Buchtipp

Norgast von Eckhard Freuwört

   
 
Empfohlen von: coco
Zuletzt bearbeitet von: coco
ISBN: 3833444266
Art: Fantasy-Roman
Kategorie: Bücher von Synästhetikern
Leserwertung: Setzt neue Maßstäbe
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Eine knallbunte Symphonie
Wie oft liest man ein Buch ? ein Mal, nach Jahren vielleicht noch ein Mal? Eckhard Freuwört schafft es, dass man Norgast zweimal nacheinander lesen kann, und zwar aus gänzlich verschiedenen Blickwinkeln. Wer das Buch von vorne nach hinten liest, bekommt eine Fantasy-Geschichte, deren Fragmenten an viele ?Klassiker? der nordischen Sagenwelt erinnern. Ausführliche Schilderungen aus synästhetischer Sicht färben die magische Welt zuweilen grell bunt ein. Nach dem eigentlichen Roman folgt ein ausführliches ?Making Of?, in dem für jedes Kapitel erklärt wird, aus welchen Songtexten, Orten und realen Erfahrungen dieser Teil komponiert wurde ? denn genau das ist Norgast, im Gegensatz zu anderen Fantasy-Romanen: Kein frei ausgedachtes Gebilde, sondern eine Komposition aus realen Strukturen, mehr oder weniger bekannten Liedern, traditioneller Kräuterkunde und Neo-Hexenwesen, in märchenhaft verzerrtem Fantasy-Gewand.

Die Story
Ein armer Fischer rettet Findus aus dem Fluss. Als er aufwacht, kann er sich an nichts erinnern, außer an seinen eigenen Namen. Doch wer ist Findus, woher kommt er und was soll er ohne Gedächtnis anfangen? Da er keinen anderen Halt in der Welt mehr hat, bleibt er bei seinen Rettern und lernt das Fischerhandwerk, bis der brutale Tyrann Baldur nach einem unbekannten Fremden ohne Erinnerung fahnden lässt und er sich nicht länger verstecken kann. Der Fischer bringt ihn zu einer alterslosen, mächtigen Hexe, die auf einer namenlosen Insel lebt. Unterwegs muss Findus feststellen, dass sämtliche magische Wesen Norgasts auf seiner Seite stehen und ihm helfen, doch ahnt er noch nicht, was sich Elfen und Najaden von ihm versprechen. Auf der namenlosen Insel unterrichten die Hexen ihn in Magie, was einer Vorbereitung auf die unvermeidliche Konfrontation gleichkommt: Eines nahen Tages wird er dem Psychopathen Baldur gegenüber treten müssen, um Norgasts Zukunft zu retten...

Unkonventionelles Märchen
Wer einen üblichen Fantasy-Roman ohne Bezug zu unserer Welt sucht, ist mit diesem Buch falsch beraten. Auf den ersten Blick ein Verschnitt aus älteren Sagen, Märchen und Klischees, entpuppt sich Norgast spätestens beim Blick ins ?Making Of? als Sammlung von Analogien zu realen Personen und Organisationen, die auch ohne konkrete Namensnennung eindeutig zu identifizieren sind. Für das Land Norgast, dessen handgezeichnete Karte den Anfang des Buches ziert, haben verschiedene Orte unserer Welt Modell gestanden, u.a. ist der krankhaft egozentrische Herrscher ein Portrait des frühere Chefs des Autors. Der Fugenkitt, mit dem die unzähligen Sinnbilder zu einer schlüssigen Story verbunden werden, entspringt Liedtexten von Schandmaul, BlackmoreŽs Night, Nightwish und einigen anderen Musikern. Eckhard Freuwört schlüsselt genau auf, welcher Abschnitt von welchem Song inspiriert wurde, so dass man beim zweiten Lesen den jeweils passenden Soundtrack hören kann. Ganz am Ende folgt schließlich ein weiterer Anhang mit 17 Seiten über die Runenkunde, auf der Norgasts Magie aufbaut.

Schwarzweiß-Malerei
Die Charaktere sind eindeutig: Entweder gut oder böse. Regierung und Kaufleute bilden zusammen eine unerschütterliche Macht, die das Volk ausbeutet und seine Freiheiten immer stärker einschränkt. Die einfachen Menschen sind zu sehr mit dem reinen Überleben beschäftigt, um sich gegen das Regime aufzulehnen. Im Kontrast dazu steht das lose Netzwerk der Hexen, den einzigen Anlaufstellen für Querdenker und Ausgestoßene. Getreu dem Titel von Freuwörts Sachbuch ?Böse Hexen gibt es nicht?, das nur ein Jahr zuvor erschienen ist, sind die Hagias in Norgast der unauffällig agierende Gegenpol zum Terror-Regime. Indem sie Findus verstecken und ausbilden, ermöglichen sie erst den Umbruch zum Guten...

Das Ende der Trilogie
In gewisser Weite ist Norgast auch ein Schmelztiegel, in dem der Autor die Themen seiner beiden vorhergegangenen Sachbücher über Synästhesie (?Vernetzte Sinne?) und Hexerei (?Böse Hexen gibt es nicht?) zusammen wirft und auf im wahrsten Sinne magische Weise vermischt. In der synästhetischen Wahrnehmung des Helden begründet sich seine selbst für einen Bewohner Norgasts übernatürliche Magie-Begabung; die Energieströme des allgegenwärtigen ?magischen Geflechts?, aus denen jeder Zauber seine Kraft zieht, sieht Findus als Synästhesien, aus den Farben und Formen von Vogelstimmen liest er die Sprache der Tiere. So baut Eckhard Freuwört einen Zusammenhang zwischen seinen zwei Sachthemen auf, auf den man normalerweise nie gekommen wäre.

Cocos Meinung
Eckhard Freuwört zeigt, was Fantasy neben üblicher Unterhaltung noch alles kann. Der tatsächliche Sinn des Buches offenbart sich erst im ?Making Of?-Anhang, in dem er gnadenlos mit unserer Gesellschaft abrechnet. Für Synästhetiker ist dieses Buch allein wegen der Beschreibungen ein Muss, für den Rest der Menschheit ist es eine erfrischende Abwechslung von der hintergrundlosen Unterhaltung, die viele andere Märchen nur bieten. Wer von guter Rechtschreibung und fließender Sprache verwöhnt wurde, wird mit dem Text allerdings Probleme bekommen, da der Autor sich vehement dem Duden widersetzt, so dass einem von unlogisch gesetzten Apostrophen die Augen schmerzen können. Der Sprachstil zeigt eindeutig, dass Freuwört aus der Sachbuch-Ecke kommt, hier und da stolpert man über ziemlich gestelzt anmutende Sätze.

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